Wenn der Rock länger wird - Ein Blick auf Mode und Macht

In vielen der gängigen Modehäusern und Fast-Fashion Läden der Einkaufsstraßen sind die Schaufenster mit einem Muster geschmückt, dass ich sonst nur von meiner Großmutter kenne: Polka dots. In schwarz-weiß, gerne aber auch in burgunderrot, marineblau oder creme Tönen.

Klar, dass Modetrends immer wieder kommen, weiß man. Und doch ist es ausfällig, was da sonst noch in den Läden hängt: Caprihosen, die praktisch sind und alles bis unters Knie verdecken. Verspielte Blusen mit Puffärmelchen. Leinenhosen und Oberteile in gedeckten Farben. 

Sehr konservativ das ganze. Aber diese Entwicklung kennt man ja nicht nur aus der Mode. 

In Deutschland ist CDU/CSU wieder Regierungspartei, die AfD Zweitstärkste Kraft. Die USA hat Trump ins weiße Haus gewählt. Dass dabei auch einige junge Menschen dabei waren, wissen wir sowohl aus Deutschland als auch aus den USA. Immerhin entschieden sich hierzulande 21% der 18 - 24 Jährigen für die AfD, dazu kommen 13% die für die CDU/CSU gestimmt haben. Das sind 14, bzw. drei Prozentpunkte mehr als noch 2021.

Es zeigt sich: Die Jugend wählt nicht nur wie ihre Großeltern, sie zieht sich auch an wie sie. 

Und was man in der realen Welt sieht, das gibt es auf Social Media schon lange. 

Hier gehört Nara Smith, mit 11,8 Millionen Follower auf TikTok zu den ganz großen Influencern. Sie ist eine junge Frau und Mutter und dafür bekannt „From scratch“, also von Grund auf mit ausschließlich frischen Zutaten für ihre Kinderschar und Ehemann zu kochen. 

Und auch andere Online Phänomene zeugen von diesem Wandel: Tattoos, Filler und Implantate werden entfernt – stattdessen wird auf natürliche Schönheit gesetzt. Die ein bisschen prüde Charlotte aus Sex and the City wird gefeiert. 20-jährige Frauen backen Sauerteigbrot und sind um 21 Uhr im Bett, statt im Club. Junge Männer holen sich dating Tipps von anderen Männern aus dem Internet, deren Frauenbild äußerst fraglich ist. Eben auch aus der Zeit unserer Großeltern. 

Doch ich schätze, da übersehen wir noch einen wichtigen Teil. Die Wirtschaft. 

Denn die Geschichte zeigt: In schlechten Zeiten werden die Röcke länger und die Kragen höher. So trug man in den wilden 1920ern, bekannt aus dem großen Gatsby, weite schulterfreie Kleider mit Fransenröcken bis zu den Knien für die Damen und voluminöse Hosen und Strohhüte für die Männer. Sie waren gekennzeichnet durch Freigeist, Modernität, Emanzipation und eine sich erholende Wirtschaft.

Die 1950er bringen hingegen den „New Look“ von Dior hervor. Die hervorgehobene feminine Silhouette mit enger Taille, betonten Hüften und weitem, schwingendem Rock markierte einen radikalen Bruch mit der rationierten Mode der Kriegszeit. So greifen wir in wirtschaftlich schweren Zeiten sowohl zu konservativen Klamotten als auch zu solchen Parteien. 

Was lernen wir daraus? Wirtschaft und Politik beeinflussen nicht nur wie viel wir uns leisten können, sondern auch was wir tragen und welchen Lifestyle wir zum Trend machen. Wenn also mein nächster Sauerteigstarter wieder verschimmelt, werde ich mir einen Matcha Latte mit Hafermilch machen und an meine Worte denken.